Ausgabe in deutscher Sprache
Intendance Palace
Intendance Palace

Rückblick auf die Kunst, den Tisch zu beherrschen

Die Kunst der Tafel

Das weiße Gold der Imperien 1/6: Von Feuern bis zu den Ursprüngen des Tisches

Lange vor Porzellan, Besteck oder Staatspalästen wurde der Tisch rund um das Feuer geboren.

Die Geschichte des Tischgeschirrs beginnt nicht mit Luxus, sondern mit dem Teilen. Die ersten Spuren dieser Geselligkeit finden sich bereits vor über 100.000 Jahren bei den Neandertalern.

In Bruniquel im Süden Frankreichs demonstrieren Strukturen rund um Feuerstellen bereits einen kollektiven Raum zum Treffen, Kochen, Austauschen und gemeinsamen Überleben.

Der Behälter geht der Keramik voraus. Tierhäute, Muscheln, Rinde oder Schildkrötenpanzer dienen dem Wassertransport, der Fettspeicherung oder der Nahrungsverteilung.

In Neumark-Nord, Deutschland, zeigen Fragmente bearbeiteter Muscheln, dass Neandertaler bereits rudimentäre Behälter zur Zubereitung und Verteilung von Nahrungsmitteln verwendeten.

Diese Geste ist grundlegend: Sobald das Essen in einem organisierten Raum geteilt wird, entsteht eine primitive Form des „Tisches“.

Das Essen wird schnell zu einem sozialen Akt ebenso wie zu einem Essensakt. Ausgrabungen in Shanidar, Irak, bringen schwer verletzte Personen zutage, die dank der Hilfe der Gruppe überlebten. Die Ernährung der Schwächsten erfordert kollektive Organisation, implizite Regeln und strukturierte Solidarität.

Vielleicht beginnt die Zivilisation dort: in der Entscheidung, gemeinsam statt allein zu essen.

Beim Homo sapiens erhält die Mahlzeit auch eine symbolische Dimension.

In den dekorierten Höhlen von Chauvet oder Lascaux zeigen die für Pigmente verwendeten Hohlknochen bereits die ästhetische Ablenkung des Behälters. Nähren, konservieren, präsentieren: Die drei Grundfunktionen von Tischgeschirr sind erfüllt.

Lange vor Palästen und diplomatischen Banketten erfand die Menschheit bereits am Feuer die erste stille Sprache des Teilens.