Ausgabe in deutscher Sprache
Intendance Palace
Intendance Palace

Rückblick auf die Kunst, den Tisch zu beherrschen

Das Auge des Intendanten

Von Bienen und Palästen 1/3: Wie Bienenstöcke die Residenzen der Macht eroberten

Vom Weißen Haus bis Buckingham, vom französischen Senat bis zum Vatikan – die Paläste des 21. Jahrhunderts beherbergen heute Zehntausende Bienen.

Untersuchung einer stillen Revolution.

Seit Beginn der 2000er Jahre hat eine diskrete Entwicklung die Residenzen der Macht übernommen: Auf den Dächern, in den ummauerten Gärten, zwischen zwei Sicherheitsvorrichtungen wurden Bienenstöcke aufgestellt, wo nur Platzanweiser und Wachen in voller Kleidung erwartet wurden.

Es beginnt oft mit einer Intuition. Im Jahr 2009 legte Michelle Obama einen Gemüsegarten auf dem South Lawn des Weißen Hauses an; Ein leidenschaftlicher Tischler stellt dort einen seiner persönlichen Bienenstöcke auf. Die fast häusliche Geste wird symbolisch: Die erste amerikanische Präsidentenkolonie der Neuzeit produziert heute bis zu hundert Kilo Honig pro Jahr, wird am Tisch des Chefkochs serviert, als Staatsgeschenk angeboten und an Lebensmittelbanken gespendet.

Die Geschichte verführt, weil sie aus Begegnungen besteht. Im Januar 2021 traf Emmanuel Macron in Tilly den 38-jährigen normannischen Imker Xavier Frémin. Einige Wochen später wurden zwei Bienenstöcke „am Ende des Gartens, in der Nähe des Brunnens“ des Élysée-Palastes aufgestellt. In London verbreitete Karl III. – ein Imker im Herzen, lange bevor er König wurde – seinen Glauben von Highgrove bis zum Clarence House, wo Honig und Wachs die Grundlage für Gartenpartys und Staatsessen bilden.

Aber das schönste Geheimnis ist vielleicht das älteste. Im Jardin du Luxembourg wacht seit 1856 eine Imkereischule, die auf eine 1818 entstandene Tradition zurückgeht und jedes Jahr Dutzende Imker unter dem Laubwerk des Senats ausbildet. Das Grand Palais hat gerade im Sommer 2025 seine Bienen gefunden, auf einem Dach mit Blick auf mehr als dreitausend Bäume.

Diese Bewegung ist nicht anekdotisch. Hinter jedem Bienenstock verbirgt sich eine neue Prestigegrammatik: Artenvielfalt als Maßstab, der Bestäuber als Wächter, der Topf mit Honig als diplomatisches Objekt.

In Canberra bietet das Parlament ausländischen Würdenträgern seinen Honig an; In Edinburgh werden die Amtshandlungen des Königreichs mit rotem Wachs besiegelt.

Die Paläste des 21. Jahrhunderts haben das verstanden: Wir regieren nicht mehr nur durch Gewalt und Feierlichkeit, sondern durch das Leben.

Die Biene, unermüdlich und zerbrechlich, ist zum idealen Botschafter einer Macht geworden, die sich der Welt gegenüber aufmerksam zeigen will.